KI & Tech28. Sept. 20267 Min. Lesezeitaktualisiert am 29. Sept. 2026

KI und dein Geld: super Praktikant, mieses Orakel

Was ein Chatbot 2026 für dein Geld wirklich kann, wo er dir selbstbewusst Quatsch erzählt, und eine Checkliste, bevor du ihm irgendwas glaubst.

Ich baue jeden Tag mit KI. Genau deshalb lasse ich sie nicht meine Geldanlage aussuchen.

Große Sprachmodelle (die Technik hinter ChatGPT, Claude, Gemini und Co.) sind der beste Praktikant, mit dem ich je gearbeitet habe: schnell, unermüdlich, belesen. Nur sagt dieser Praktikant nie „Das weiß ich nicht“. Nie. Und wenn es um dein Geld geht, ist genau das der wichtigere Teil.

Worin KI gut ist#

Alles, wo du das Dokument mitbringst und das Modell die Geduld.

  • Dokumente erklären. Fonds-Factsheets, das Basisinformationsblatt (KID) eines Fonds, deine jährliche Renteninformation, ein Brief vom Finanzamt. Füg den Text ein und frag, was er bedeutet und was du bis wann tun musst.
  • Bürokratie übersetzen. Behördendeutsch ist eine eigene Sprache. Keiner spricht sie, aber jeder bekommt Post darin. Ein Modell übersetzt es in normales Deutsch, und zurück.
  • Tabellen bauen und prüfen. Sparplan, Kostenvergleich, Entnahmeplan. Lass dir die Formeln geben und dann jede einzelne erklären. Der Prüfer bleibst du.
  • Ausgaben kategorisieren. Aus einem Bankexport mit ein paar Hundert Zeilen werden in einer Minute zehn Kategorien. Entfern vorher Namen und Kontonummern.
  • Einen Plan einem Stresstest unterziehen. Frag nach den stärksten Argumenten gegen deinen Plan. Ein Modell hat kein Ego und bekommt keine Provision. Versuch das mal bei deiner Bank.
  • Geschäftsberichte zusammenfassen. Aus zweihundert Seiten werden zwei. Danach liest du die wichtigen Stellen im Original.

Fällt dir was auf? Jedes Mal kommen die Fakten aus einem Dokument, das du geliefert hast. Das Modell arbeitet mit deinem Input, nicht mit seinem Gedächtnis. Da ist es am stärksten.

Kosten sind eine gute erste Übung. Lass dir vom Modell den Kostenteil eines Basisinformationsblatts erklären und rechne die Zahlen dann selbst nach.

Was KI nicht kann#

Kurse vorhersagen#

In ihrer Anlegerwarnung von 2025 erklärt die EU-Wertpapieraufsicht ESMA Verbrauchern, dass niemand und nichts, KI-Tools eingeschlossen, die Finanzmärkte zuverlässig vorhersagen kann und dass es keine Abkürzung zum Reichtum gibt. Sie weist außerdem darauf hin, dass öffentliche KI-Tools von keiner Finanzaufsicht zugelassen oder überwacht werden und nicht verpflichtet sind, in deinem besten Interesse zu handeln.

Ich bin selten einer Meinung mit Aufsichtsbehörden. Hier schon.

Dieselbe Warnung gilt für Apps und Webseiten, die KI-„Aktiensignale“ verkaufen, oft gegen teure Monats- oder Jahresgebühren. Der Rat der ESMA: Sei misstrauisch bei jedem, der behauptet, Kurse mit hoher Genauigkeit vorherzusagen. Meine Version: Wenn das Signal funktionieren würde, würde es dir keiner im Monatsabo vermieten.

Und nein, das ist keine Theorie. Im Mai 2026 warnte die deutsche Aufsicht BaFin vor einer Webseite, die mit automatisierten und profitablen Anlageentscheidungen per KI warb. Laut BaFin hatten die Betreiber keine Erlaubnis, diese Dienste in Deutschland anzubieten.

Den Markt im Alleingang schlagen#

Es gibt echte Forschung dazu. Sie ist deutlich bescheidener als die Schlagzeilen.

Pelster und Val (Finance Research Letters, 2024) haben ein Live-Experiment mit einem Chatmodell mit Internetzugang gemacht. Sie fanden eine positive Korrelation zwischen den Bewertungen des Modells und den späteren Aktienrenditen, und eine Strategie auf Basis dieser Bewertungen brachte positive Renditen. Der Test lief aus gutem Grund live: Bei historischen Daten lässt sich nicht ausschließen, dass das Modell die Zukunft schon kennt. Der Haken ist die Kehrseite davon: Das Experiment deckte ein kurzes Zeitfenster rund um eine einzige Berichtssaison ab. Das ist keine Erfolgsbilanz. Das ist eine gute Woche.

Ein Preprint von Crisostomo und Mykhalyuk aus 2026 hat vier bekannte Chat-Assistenten mit drei Prompt-Strategien getestet. Ihr Befund: Die Empfehlungen leiden unter wiederkehrenden Denkfehlern, darunter finanzielle Fehlannahmen und veraltete oder halluzinierte Informationen. Mit enger menschlicher Führung konnten die Modelle in ihrem Test den Markt schlagen, und Antworten, die sich auf offizielle Unternehmensberichte stützten, waren genauer. Es ist ein Preprint, also noch nicht von Fachkollegen begutachtet.

Spannend für Forscher. Aber kein Grund, einen breiten Indexfonds gegen ein Chatfenster zu tauschen. Und wie immer gilt: Vergangene Renditen sind keine Versprechen, egal ob ein Mensch oder ein Modell sie erzielt hat.

Zahlen und Steuerregeln jedes Mal richtig nennen#

Ein Modell sagt plausiblen Text vorher. Plausibel und richtig decken sich oft. Nicht immer. Die ESMA warnt, dass KI-Antworten auf veralteten, falschen oder unvollständigen Informationen beruhen können.

Freibeträge, Beitragssätze und Rentenwerte ändern sich jedes Jahr, weil die Politik nichts in Ruhe lassen kann. Ein Modell nennt dir vielleicht die Zahl vom Vorjahr oder verwechselt zwei Länder, im selben überzeugten Ton. In jedem Land sind das Gesetz und die Steuerbehörde die Quelle, nicht der Chat. Für Deutschland habe ich die Regeln in ETF-Steuern in Deutschland gesammelt.

Die echte Gefahr: Betrüger mit KI#

Die BaFin hat wiederholt vor Anzeigen gewarnt, in denen Prominente scheinbar hohe Gewinne versprechen. Die gezeigten Personen wissen nichts davon, und das Geld geht an die Betrüger.

Der IOCTA-Bericht 2026 von Europol nennt Betrug den am schnellsten wachsenden Bereich der organisierten Kriminalität, mit Anlagebetrug als einer der häufigsten Formen. Generative KI erlaubt Betrügern eine persönliche Ansprache, und Sprach-Chatbots sortieren Opfer im industriellen Maßstab vor. Die Gauner hatten ihren Produktivitätsschub also früher als deine Bank.

Die EU-Aufsichtsbehörden empfehlen eine Low-Tech-Verteidigung, die mir richtig gut gefällt: Vereinbare mit deiner Familie ein Codewort. Wenn „dein Bruder“ anruft und dringend Geld braucht, frag danach.

Was das Gesetz sagt#

Zwei Dinge solltest du kennen.

Erstens: Regulierte Firmen bleiben verantwortlich. In einer öffentlichen Stellungnahme vom 30. Mai 2024 hat die ESMA Wertpapierfirmen, die KI bei Privatkunden einsetzen, erklärt, dass die MiFID-II-Regeln weiter gelten, inklusive der Pflicht, im besten Interesse des Kunden zu handeln. „Das war der Algorithmus“ ist keine Verteidigung. Ein öffentlicher Chatbot gibt dir nichts von diesem Schutz.

Zweitens: Der EU AI Act sortiert KI-Systeme nach Risiko. Laut Europäischer Kommission greifen die Transparenzregeln im August 2026: Du musst erfahren, wenn du mit einer Maschine sprichst, und Deepfakes müssen klar gekennzeichnet sein. Schön. Brüssel hat eine Vorschrift geschrieben, und Kriminelle sind ja bekannt dafür, sich an Vorschriften zu halten. Auf dein Geld passt also weiterhin einer auf: du.

Sechs Prompts, die wirklich helfen#

Ersetz die Klammern, füg den Dokumenttext ein und entfern vorher persönliche Daten.

  1. Erkläre mir dieses Basisinformationsblatt so, als wäre ich ein kluger Ingenieur ohne Finanzausbildung. Liste alle Kosten in Prozent pro Jahr auf und sag mir, wo im Text du sie gefunden hast.
  2. Hier ist ein Brief von meinem Finanzamt. Fasse in einfachem Deutsch zusammen: Was wollen sie, welche Frist gilt, was passiert, wenn ich nichts tue? Zitiere zu jedem Punkt den Originalsatz.
  3. Bau eine Tabellenformel für einen monatlichen Sparplan mit [Betrag], [Jahre], [Rendite] und [Kosten] pro Jahr. Erkläre jeden Teil der Formel. Gib mir dann einen Testfall, den ich von Hand nachrechnen kann.
  4. Hier ist ein anonymisierter Bankexport als CSV. Sortiere jede Zeile in höchstens zehn Kategorien, summiere sie pro Monat und liste die Zeilen auf, bei denen du unsicher warst.
  5. Hier ist mein Plan: [Plan]. Sei ein kritischer Prüfer. Nenn mir die fünf stärksten Argumente dagegen, sortiert danach, wie viel Schaden jedes anrichten könnte.
  6. Fasse diesen Geschäftsbericht in 300 Wörtern zusammen. Trenne Fakten von Meinungen des Managements und nenn zu jeder Zahl die Seitenzahl.

Warum funktionieren die? Sie bringen ihre eigene Quelle mit, verlangen Zitate und Seitenzahlen und zwingen das Modell, seine Unsicherheit zu zeigen. Und kein einziger fragt, was du kaufen sollst.

Prompt 3 liefert dir eine Formel. Hier ist etwas, woran du das Ergebnis des Praktikanten prüfen kannst.

$ compound --monthly 300
€
Jahre
%

Zum ganzen Check

Bevor du einer KI-Antwort zu Geld vertraust#

  • Quelle: Kam die Antwort aus einem Dokument, das ich geliefert habe, oder aus dem Gedächtnis des Modells?
  • Zahlen: Habe ich jede Zahl im Originaldokument oder auf der offiziellen Seite geprüft?
  • Datum: Gilt die Regel für dieses Jahr und für mein Land?
  • Rechnung: Habe ich ein Beispiel von Hand oder mit einem Rechner nachgerechnet?
  • Datenschutz: Habe ich Name, Adresse, IBAN, Steuer-ID und alles aus einem Ausweisdokument entfernt? Die ESMA rät, keine persönlichen Daten mit öffentlichen KI-Tools zu teilen.
  • Anreiz: Verkauft mir jemand etwas auf Basis dieser Antwort?
  • Umkehrbarkeit: Kann ich die Entscheidung rückgängig machen, wenn die Antwort falsch ist? Wenn nicht, frag einen zugelassenen Profi.

Und ja, auch diese Seite ist mit Hilfe von KI entstanden. Der Praktikant ist gut. Kontrolliert wird er trotzdem. Warum es die Seite gibt, steht in warum ich diese Seite gebaut habe. Für die Geldseite behandelt der Kurs das Thema Kosten in Stopf die Lecks.

Dieser Artikel ist Bildung, keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung.

Quellen#

Wissen, keine Beratung. Ich kenne deine Situation nicht, und vergangene Renditen versprechen gar nichts. Prüf meine Zahlen, dann entscheide selbst. Du bist erwachsen.