Teure SaaS-Software stirbt, und kaum einer redet darüber
Mit KI ist eigene Software schnell und billig. Für aufgeblähte, überteuerte SaaS ist das das Aus. Was sich geändert hat, was ich selbst baue und was du weiter mietest.
Alle reden davon, dass die KI uns die Jobs wegnimmt. Dass sie uns auch das Abo wegnimmt, sagt kaum jemand.
Dabei war der Deal zwanzig Jahre lang ganz simpel: Software zu bauen ist teuer, also mietest du sie. CRM, HR-Tool, Projektboard, Reporting-Dashboard, jedes mit eigenem Login, eigenem Preis pro Nutzer und einem Vertriebler, der jeden Januar anruft und erklärt, warum es dieses Jahr leider mehr kostet. Das Ganze stand auf einer einzigen Annahme: Selbst bauen ist schwer.
Diese Annahme ist tot. Und eine Menge sehr teurer Software merkt das gerade.
Die Miete steigt jedes Jahr. Der Nutzen nicht.#
Still und leise sind Softwareanbieter zur zuverlässigsten Inflationsmaschine in deiner Firma geworden.
Vertice wickelt mehr als 75 Mrd. $ an Softwareausgaben ab und hat im Juni 2026 eine SaaS-Inflation von 16,4 % gemessen, Rekord. Im August waren es immer noch 12,7 %. Eine Zentralbank mit solchen Werten würde man zu Recht für gescheitert erklären. Die Softwarebranche nennt das „Preisanpassung“.
Die Großen machen es ganz offen. Salesforce hat die Listenpreise der Enterprise- und Unlimited-Editionen ab August 2025 im Schnitt um 6 % angehoben, schon die zweite Erhöhung in rund zwei Jahren. Microsoft hat nachgelegt: Die Business-Pakete von Microsoft 365 kosten seit Juli 2026 mehr, Microsoft 365 E3 etwa 39 $ statt 36 $ pro Nutzer und Monat. Die Begründung ist jedes Mal dieselbe: neue KI-Funktionen. Hast du die bestellt? Egal. Bezahlen darfst du sie trotzdem.
Zinseszins ist großartig, solange du ihn kassierst. Bei SaaS zahlst du ihn.
Und dann zahlst du noch für Plätze, auf denen keiner sitzt#
Erst schätzen
Laut Zylos SaaS Management Index 2026, der auf echten Ausgabedaten beruht, sind im Schnitt 36 % der Lizenzen ungenutzt, gemessen an der empfohlenen Nutzung. Mehr als ein Drittel der Rechnung kauft also: nichts.
Im Median gibt eine Firma laut Zylo 9.455 $ pro Mitarbeiter und Jahr für SaaS aus. Nimm mal eine Firma mit 50 Leuten. Das sind rund 473.000 $ im Jahr, und nach Zylos Zahlen bezahlt grob ein Drittel davon Lizenzen, die keiner nutzt. Regalware eben. Wie eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio, nur für Software.
Und das, was tatsächlich genutzt wird? Meistens 20 % der Funktionen, eingepackt in 80 % Komplexität. Die gibt es nur, weil der Anbieter zehntausend andere Firmen gleichzeitig bedienen muss. Also richtest du nicht die Software nach deinem Geschäft aus, sondern dein Geschäft nach der Software. Und dann holst du noch einen Berater, der es ein bisschen weiter verbiegt.
Was sich geändert hat: Bauen ist billig geworden#
Umsonst ist Software durch KI nicht geworden. Aber der teure Teil, Code schreiben und ändern, kostet nur noch einen Bruchteil.
Retool hat Ende 2025 genau 817 Leute befragt, die bei ihrer Arbeit Software bauen. 35 % von ihnen hatten schon mindestens ein SaaS-Tool durch eine Eigenentwicklung ersetzt, 78 % wollten 2026 noch mehr eigene Tools bauen. Zuerst trifft es Workflow-Automatisierungen und interne Admin-Tools, danach Reporting und sogar CRMs. Klar, Retool verkauft selbst eine Plattform für interne Tools, die Begeisterung darfst du also mit etwas Salz nehmen. Die Richtung stimmt trotzdem.
Die Börse hat es schneller kapiert als die meisten IT-Abteilungen. Anfang Februar 2026 hat Anthropic Plug-ins für seinen KI-Agenten Claude Cowork veröffentlicht, für Recht, Vertrieb, Marketing und Datenanalyse. Am 3. Februar verlor Thomson Reuters an einem einzigen Tag fast 18 %, so viel wie noch nie. RELX gab 14 % ab, Wolters Kluwer rund 13 %, LegalZoom fast 20 %. Die Händler hatten schnell einen Namen dafür: „SaaSpocalypse“.
Selbst die Verkäufer haben es kommen sehen. Microsoft-Chef Satya Nadella sagte im Dezember 2024 im Podcast BG2, die „notion that business applications exist“ könne im Zeitalter der KI-Agenten „collapse“, also die Vorstellung, dass es Geschäftsanwendungen überhaupt gibt, könne zusammenbrechen. Denn „all the logic will be in the AI tier“. Wenn der größte Softwareverkäufer der Welt so etwas laut sagt, höre ich hin.
Das berühmteste Beispiel ist zugleich das am häufigsten falsch zitierte. Klarna verkündete 2024, man habe Salesforce abgeschaltet und wolle auch Workday loswerden. Im Netz wurde daraus sofort „durch KI ersetzt“. Klarna-Chef Sebastian Siemiatkowski hat das später richtiggestellt: „we did not replace SaaS with an LLM“. Klarna hat stattdessen Daten aus vielen SaaS-Systemen in einen eigenen, intern entwickelten Tech-Stack geholt. Weniger spektakulär, gleiche Richtung. Und er bezweifelt, dass jede Firma das nachmacht. Geschenkt. Die meisten Firmen müssen ja gar nicht Salesforce ersetzen. Sie müssen bloß aufhören, für fünf Tools zu zahlen, die zusammen eine Aufgabe schlecht erledigen.
Was ich baue, statt zu mieten#
Ich schreibe nicht nur darüber. Ich baue jeden Tag mit KI, und immer mehr von dem, was ich nutze, gehört mir.
Mein eigener Jarvis. Eine Kommandozentrale für alle meine Firmen, Postfächer und Softwareprojekte. Er sortiert meine Mails, schreibt Antwortentwürfe in meinem Ton, brieft mich morgens, merkt sich, wem ich was versprochen habe, und zeigt mir, was in Dutzenden Projekten gerade kaputt ist, auf dem Mac und auf dem Handy. Raus geht nichts ohne mein Okay. Die erste lauffähige Version hat Tage gedauert, nicht Quartale. Versuch mal, so etwas fertig zu kaufen. Du bräuchtest fünf Abos, drei Integrationen und einen Projektmanager, und am Ende wüsste das Ding trotzdem nicht, wie ich arbeite.
Das aLIVE Cockpit. Ein Management-Cockpit für die aLIVE-Firmen. Angefangen hat es als Werkzeug für öffentliche Ausschreibungen, inzwischen ist es das gemeinsame Betriebssystem des Unternehmens: Ausschreibungen, Finanzen, Forderungen, Personaleinsatz und ein täglicher Überblick, alles auf einer Datenbank, mit echten Rollen. Klassisch hätte man dafür ein Ausschreibungstool, ein BI-Tool, ein Forderungstool und ein HR-Tool gekauft, jedes mit eigener Lizenz, eigenem Login und eigener Vorstellung davon, was ein Kunde ist. Jetzt gibt es ein System, und das passt sich der Firma an, nicht umgekehrt.
VEONIO. In meiner Agentur haben wir große Teile der Website-Erstellung und des Marketings automatisiert. Vorne geht ein Briefing rein, hinten kommt eine Website in unserem Hausstandard raus, und ein Mensch prüft sie, bevor ein Kunde sie zu sehen bekommt. Was früher Wochen voller Übergaben gekostet hat, dauert heute nur noch einen Bruchteil davon.
Wie das alles verdrahtet ist, verrate ich nicht. Zum einen, weil genau da der Vorsprung steckt. Zum anderen, weil man mit einer Beschreibung seiner Sicherheitsarchitektur im öffentlichen Blog ganz schnell Leute kennenlernt, die Sicherheitsarchitekturen in öffentlichen Blogs lesen.
Hayek hätte dein CRM gehasst#
Hinter all dem steckt eine alte Idee. In „The Use of Knowledge in Society“ (1945) hat Friedrich Hayek gezeigt, dass das entscheidende Wissen verstreut ist, die „knowledge of the particular circumstances of time and place“. Ein zentraler Planer kann es nicht einsammeln. Die Leute vor Ort haben es.
Standard-SaaS für alle ist Planwirtschaft für deine Abläufe. Irgendwer in San Francisco hat festgelegt, wie deine Vertriebspipeline, deine Freigaben und deine Berichte zu funktionieren haben, und zwar für alle Firmen auf einmal. Eigene Software dreht das um. Wer die Arbeit kennt, formt das Werkzeug, und ändert es noch am selben Nachmittag, wenn sich die Arbeit ändert.
Und dann ist da noch der Lock-in. Deine Daten liegen in deren Format, der Export steht „auf der Roadmap“, und das Verlängerungsschreiben weiß genau, dass du nicht wegkommst. Mit Markt hat das nichts zu tun. Das ist ein Vermieter.
Was du weiter mieten solltest#
Abfackeln musst du deshalb nicht alles. Manche Software mietest du weiter, und zwar gern:
- Standard-Infrastruktur: E-Mail, Cloud-Hosting, Zahlungen, Logins. Den Pager um drei Uhr nachts und die Sicherheitsupdates trägt dann jemand anders.
- Regulierte Systeme voller Vorschriften: Lohnabrechnung, Steuererklärungen, Banking. Die Regeln ändern sich jedes Jahr, weil die Politik ja nichts in Ruhe lassen kann, und das willst du nicht selbst pflegen.
- Netzwerk-Tools: alles, dessen Wert darin liegt, dass alle anderen es auch nutzen, etwa ein gemeinsamer Kalenderstandard oder ein Marktplatz.
Selbst baust du das, was dich unterscheidet: wie du verkaufst, wie du lieferst, wie du deine Zahlen siehst, wie deine Leute zusammenarbeiten. Genau da sitzt die teure, mittelmäßige Mitte der SaaS-Welt, und genau die stirbt gerade.
Das Kleingedruckte, das im Hype keiner erwähnt#
Selber bauen ist nicht gratis. Die Kosten liegen nur woanders.
- Die Bugs gehören jetzt dir. Genau wie Updates, Backups und Sicherheit. Plan Geld für die Wartung ein, nicht nur für den Bau.
- KI-Code muss geprüft werden. In der Retool-Umfrage übernehmen nur 8 % den KI-generierten Code unverändert. Gut so. In einer randomisierten Studie von METR aus dem Jahr 2025 waren erfahrene Open-Source-Entwickler mit den KI-Tools von Anfang 2025 auf großen, ausgereiften Codebasen sogar 19 % langsamer, hielten sich aber für schneller. Tempo kommt nicht von allein. Urteilsvermögen braucht es weiterhin.
- Schatten-IT gibt es wirklich. 60 % der Befragten bei Retool haben im letzten Jahr etwas an der IT vorbei gebaut. Eine schlaue Tabelle mit KI-Aufsatz und ohne Zugriffsrechte ist ein Datenleck, das nur noch auf seinen Termin wartet.
- Fang da an, wo es wehtut. Ein Tool, eine schmerzhafte Verlängerung, ein Ablauf, um den ihr euch eh schon herumarbeitet. Nicht den ganzen Stack auf einmal.
Wer stirbt also? Nicht die Software. Sondern die mittelmäßige, überteuerte Zwischenschicht: Tools, die Konzernpreise für eine Datenbank, ein paar Formulare und ein Dashboard verlangen. Ihr Burggraben war, dass Bauen schwer war. Jetzt ist er eine Pfütze.
Wenn dir das nächste Mal ein Anbieter eine Verlängerung mit 9 % Aufschlag und einer Folie über KI schickt, rechne nach. Und dann frag dich, wie lange es dauern würde, genau das zu bauen, was du brauchst. Die Antwort könnte dich überraschen.
Mehr zur Geldseite, wenn du etwas Eigenes aufbaust: Dein erstes Nebengeschäft, und warum KI ein toller Praktikant, aber ein lausiger Hellseher ist, steht in KI und dein Geld.
Dieser Artikel ist Bildung, keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung. Keine hier genannte Aktie ist eine Empfehlung.
Quellen#
- Vertice: SaaS inflation rate (Monatsdaten 2026)
- Zylo: 2026 SaaS Management Index (29. Januar 2026)
- Salesforce: Pricing update 2025
- Directions on Microsoft: Microsoft to increase Office suite prices across the board starting July 2026 (4. Dezember 2025)
- Retool: The build vs. buy shift – 2026 Build vs. Buy Report (17. Februar 2026)
- Reuters über Yahoo Finance: Anthropic’s new AI tools deepen selloff in data analytics and software stocks (4. Februar 2026)
- CX Today: Microsoft CEO – AI agents will transform SaaS as we know it (23. Dezember 2024)
- TechCrunch: Klarna CEO doubts that other companies will replace Salesforce with AI (4. März 2025)
- METR: Measuring the impact of early-2025 AI on experienced open-source developer productivity (Juli 2025)
- Friedrich A. Hayek: The Use of Knowledge in Society, American Economic Review, 1945
Wissen, keine Beratung. Ich kenne deine Situation nicht, und vergangene Renditen versprechen gar nichts. Prüf meine Zahlen nach und entscheide dann selbst. Du bist schließlich erwachsen.