Freiheit16. Okt. 202630 Min. Lesezeit

Geld fließt bergauf: Warum im EU-Haushalt ärmere Haushalte für reichere zahlen

Haushalte in Deutschland, Österreich und Finnland zahlen für reichere in Malta und Zypern. Woher das EU-Geld kommt, wo es versickert, was fairer wäre.

Ein Mann im blauen Sakko mit der EU-Flagge auf dem Rücken verspritzt Champagner auf einer Strandterrasse an der Riviera, neben einem Haufen aus Gold und Luxuskartons. Ein langer Kassenzettel zieht sich über den Boden bis zu einem Kellner.
Kein Foto. Der Kassenzettel am Boden ist trotzdem echt: 1.984,9 Mrd. € für sieben Jahre.

Warum das Thema gerade hochkocht#

Die EU verhandelt über ihren Haushalt für 2028 bis 2034, und der Gipfel am 15. Oktober 2026 ist ohne Einigung auseinandergegangen. Zwei Tage vorher hatte ein Vertreter der Bundesregierung Reuters vorgerechnet, was das für Deutschland heißt. Derzeit zahle man „etwas mehr als 40 Milliarden“. Und mit dem Kompromiss, den die irische Ratspräsidentschaft gerade vorgelegt hatte? „Wenn wir uns die irische Verhandlungsbox angucken, dann sind wir immer noch über 60 Milliarden.“ Pro Jahr, wohlgemerkt. Am 16. Oktober haben FOCUS-Leser dann ordentlich Dampf abgelassen: Europa als „Verschiebebahnhof für deutsches Geld“.

Bevor sich jetzt jemand über die falsche Zahl aufregt, zwei Details. Die 60 Milliarden sind keine veröffentlichte Rechnung, sie kommen von einem Regierungsvertreter, der nicht genannt werden will. Und sie beziehen sich nicht auf den ursprünglichen Vorschlag der Kommission, sondern auf den irischen Kompromiss, und der ist schon um 8 % kleiner. Wenn schon die abgespeckte Version Deutschland 60 Milliarden kostet, dann rechne dir mal aus, was die große kostet.

Der Kanzler hat sich festgelegt, zumindest mit Worten. „Von einer Einigung sind wir gleichwohl noch weit entfernt“, sagte Friedrich Merz am 10. Oktober. Zwei Tage später legte er nach: „Keinen neuen Finanzrahmen zu haben, ist für Deutschland die finanziell mit Abstand günstigste Lösung.“ Am 26. und 27. November sitzen die Staats- und Regierungschefs wieder zusammen.

Zeit also für drei Dinge, die in Brüssel niemand gern auf einer Seite sieht: woher das Geld kommt, wo es versickert und warum der Schlüssel, nach dem die Rechnung verteilt wird, unfair und von gestern ist. Danach kommt ein besserer. Die Gewichte stellst du selbst ein.

Fünfunddreißig Jahre „ungefähr 1 %“#

Die EU plant ihr Geld in Paketen von je sieben Jahren, den mehrjährigen Finanzrahmen. Gemessen an der Wirtschaftsleistung hat sich deren Größe jahrzehntelang kaum bewegt:

ZeitraumMitgliederVolumen laut BeschlussAnteil am Nationaleinkommen
1993–199912, dann 15529,9 Mrd. ECU (Preise von 1992)1,19–1,26 % (Zahlungen)
2000–200615, dann 25702,8 Mrd. € (Preise von 1999)0,97–1,13 % (Zahlungen)
2007–201327864,3 Mrd. € (Preise von 2004)1,05 %
2014–202028960,0 Mrd. € (Preise von 2011)1,00 %
2021–2027271.225,9 Mrd. € (laufende Preise)1,02 %
2028–2034, Vorschlag der Kommission271.984,9 Mrd. € (laufende Preise)1,26 %

Die eigentliche Wende sieht man in der Tabelle gar nicht. Seit 2020 macht die EU Schulden. NextGenerationEU, der Corona-Wiederaufbaufonds, hatte in heutigem Geld ein Volumen von 806,9 Mrd. €, bezahlt mit gemeinsamen Anleihen. Die EU-Schulden sind von 52 Mrd. € im Jahr 2019 auf 738,9 Mrd. € Ende 2025 geklettert, Mitte 2026 waren es schon 836,8 Mrd. €. Bis Ende 2027 erwartet der Europäische Rechnungshof rund 1 Billion €.

Und diese Schulden kommen jetzt im Haushalt an. Für 2021 bis 2027 waren 14,9 Mrd. € Zinsen eingeplant, die Prüfer rechnen inzwischen mit ungefähr dem Doppelten. 2025 standen 4,96 Mrd. € in der Zinszeile, 2026 sind es 7,97 Mrd. €, und der Entwurf für 2027 sieht 9,9 Mrd. € vor. Ab 2028 wird getilgt, und zwar bis 2058. 421 Mrd. € an ausgezahlten Zuschüssen müssen aus künftigen Haushalten zurückfließen. Auf Deutschland entfallen davon rechnerisch etwa 103 Mrd. €. Selbst bekommen hat es rund 30 Mrd. € an Zuschüssen.

Woher das Geld kommt#

Die EU hat vier Quellen für ihr „eigenes“ Geld, im Amtsdeutsch Eigenmittel. Drei sind klein, die vierte stemmt die Hauptlast.

  1. Zölle. Die werden an der Grenze erhoben. 25 % behalten die Mitgliedstaaten als „Erhebungskosten“, der Rest geht nach Brüssel. Macht rund 11 % des Haushalts.
  2. Mehrwertsteuer-Eigenmittel. 0,3 % auf eine vereinheitlichte Mehrwertsteuer-Bemessungsgrundlage, gedeckelt bei der Hälfte des Nationaleinkommens. Rund 13 %.
  3. Die Plastikabgabe. 0,80 € pro Kilo Kunststoffverpackung, das nicht recycelt wird. Rund 4 %. Siebzehn ärmere Länder bekommen feste Abschläge.
  4. Die BNE-Eigenmittel. Jedes Land zahlt denselben Prozentsatz seines Bruttonationaleinkommens. Das ist der Lückenfüller: Was die anderen drei nicht decken, kommt von hier.

Erst schätzen

So wird der Mitgliedsbeitrag festgelegt, mit den Zahlen aus dem Haushalt 2026:

Und bei den Rabatten wird es politisch. Dänemark, Deutschland, die Niederlande, Österreich und Schweden bekommen feste Nachlässe, Deutschland 3.671 Mio. € im Jahr, in Preisen von 2020. Bezahlt werden die von allen 27 nach ihrem BNE-Anteil, auch von den Rabattländern selbst. Deshalb schrumpft Deutschlands Bruttorabatt von 4,56 Mrd. € im Jahr 2026 netto auf 2,25 Mrd. €.

Lies mal genau, was im Gesetz steht. Die Rabatte gibt es „für den Zeitraum 2021-2027“. Wird kein neuer Eigenmittelbeschluss ratifiziert, läuft zwar der alte weiter, so wie ich den Text verstehe aber ohne die Rabatte. Dann ist Merz’ „mit Abstand günstigste Lösung“ womöglich gar nicht so eindeutig, wie sie klingt. Ich bin kein Jurist, und in Berlin hat bisher niemand eine Rechnung dazu veröffentlicht.

Wer zahlt, wer kassiert#

Nach 2019 hat die Kommission aufgehört, Nettosalden pro Land zu veröffentlichen. So verschwinden unbequeme Zahlen eben. Mit ihrer eigenen veröffentlichten Methode, angewendet auf ihre eigenen Daten für 2025, sieht das so aus:

LandZahlt ein (ohne Zölle)Bekommt zurückNetto pro Einwohner
Niederlande6,7 Mrd. €3,1 Mrd. €−179 €
Deutschland29,0 Mrd. €12,2 Mrd. €−178 €
Schweden3,5 Mrd. €2,0 Mrd. €−122 €
Irland3,0 Mrd. €2,3 Mrd. €−94 €
Österreich3,1 Mrd. €2,1 Mrd. €−93 €
Frankreich23,0 Mrd. €16,4 Mrd. €−78 €
Malta0,17 Mrd. €0,39 Mrd. €+364 €
Zypern0,27 Mrd. €0,54 Mrd. €+278 €
Griechenland1,9 Mrd. €5,7 Mrd. €+370 €
Lettland0,33 Mrd. €1,5 Mrd. €+611 €

Deutschlands Nettosaldo lag nach dieser Methode bei −14,9 Mrd. €, das sind 0,32 % des Nationaleinkommens. Rechnet man den deutschen Anteil an den Aufbauzuschüssen dazu, die ja zurückgezahlt werden müssen, waren es −24,5 Mrd. €. Andere Methoden landen irgendwo zwischen 13 und 25 Mrd. €. Deshalb findet auch jeder Politiker die Zahl, die ihm gerade passt.

Einfacher zu lesen ist, was in bar aus dem Bundeshaushalt abfließt. Die Zahlungen an die EU lagen 2024 bei 32,0 Mrd. € und 2025 bei 34,9 Mrd. €, für 2026 sind 44,3 Mrd. € geschätzt, und im Entwurf für 2027 stehen 46,1 Mrd. €. Das Finanzministerium schreibt selbst, die Steuereinnahmen des Bundes seien 2026 „vor allem“ wegen der höheren Abführungen an die EU gesunken.

Die nächsten sieben Jahre: zwei Billionen und neue Steuern#

Am 16. Juli 2025 hat die Kommission ihren Vorschlag vorgelegt: 1.984,9 Mrd. € für 2028 bis 2034, das sind 1,26 % des EU-Einkommens. 168 Mrd. € davon gehen allein in die Tilgung.

Was sonst noch drinsteckt:

  • Neue EU-Steuern über 58,5 Mrd. € im Jahr, in Preisen von 2025: ein Teil der Einnahmen aus dem CO2-Emissionshandel, der Grenzausgleich auf klimaschädliche Importe, eine Abgabe auf Elektroschrott, ein Stück von der Tabaksteuer und eine neue Abgabe für Unternehmen mit mehr als 100 Mio. € Umsatz. Der Rechnungshof merkt an, dass davon nur 13,6 Mrd. € nicht ohnehin aus den nationalen Haushalten kommen. Die nationalen Beiträge würden trotzdem um 81 % auf 235 Mrd. € im Jahr steigen.
  • Eine höhere Obergrenze. Was die EU bei den Mitgliedstaaten abrufen darf, steigt von 1,40 % auf 1,75 % des Nationaleinkommens, dazu kommt Extra-Spielraum für Schulden und Krisen: insgesamt bis zu 2,60 %.
  • Alle Rabatte fallen weg, und von den Zöllen dürfen die Mitgliedstaaten nur noch 10 % statt 25 % behalten.
  • Mehr Schulden, zusätzlich zu den Obergrenzen: bis zu 395 Mrd. € an Krisenkrediten und 150 Mrd. € für einen neuen Kreditfonds namens „Catalyst Europe“.

Der irische Kompromiss vom 10. Oktober kürzt das Ganze um 8 % auf 1.826 Mrd. €. Das sind immer noch 30 % mehr als im laufenden Finanzrahmen. Deutschland trägt ungefähr ein Viertel, und ein Viertel von 235 Mrd. € an nationalen Beiträgen sind allein schon rund 58 Mrd. €, ohne Zölle und neue Abgaben. Daher kommen die 60 Milliarden.

Wo das Geld versickert#

Jetzt der Teil, den die Kommission lieber nicht auf derselben Seite hätte. Der beste Zeuge gegen die EU-Ausgaben ist ausgerechnet der EU-eigene Rechnungshof.

  • Sieben Jahre in Folge ein versagtes Prüfungsurteil. Für jedes Haushaltsjahr von 2019 bis 2025 fanden die Prüfer so viele Fehler in den Ausgaben, dass sie sich geweigert haben, deren Recht- und Ordnungsmäßigkeit zu bestätigen. Ein sauberes Urteil zu den Ausgaben gab es noch nie, seit der Rechnungshof diese Prüfung 1994 eingeführt hat.
  • 3,8 % regelwidrig ausgezahlt im Jahr 2025, rund 5,0 Mrd. €. 2023 waren es 5,6 %, rund 9,0 Mrd. €. Bei den Regionalfonds 6,6 %, in der Landwirtschaft 3,9 %, Tendenz steigend.
  • Die Kommission hat 2024 aufgehört, ihre eigene Gesamtfehlerquote zu veröffentlichen, ausgerechnet in den Jahren, in denen die Prüfer bei den Agrargeldern immer mehr Fehler fanden. Zeigt das Thermometer Fieber, schafft man halt das Thermometer ab.
  • Der Aufbaufonds zahlt Schätzungen, nicht Kosten. Bei 15 von 19 geprüften Maßnahmen kostete die Arbeit weniger als veranschlagt, und das Land bekam trotzdem die volle Schätzung. Frankreich erhielt 500 Mio. € für eine Maßnahme, die 368 Mio. € gekostet hat. 9 von 37 Zahlungen im Jahr 2025 verstießen gegen die Auszahlungsbedingungen, 10 Etappenziele wurden bezahlt, ohne erreicht zu sein. Das Urteil der Prüfer: „kein leistungsbasiertes Instrument“. Die Klimaausgaben darin waren um 34,5 Mrd. € zu hoch angesetzt.
  • Betrug. Ende 2025 hatte die Europäische Staatsanwaltschaft 3.602 offene Fälle mit einem geschätzten Schaden von 67,3 Mrd. €. Das meiste davon ist Mehrwertsteuerbetrug, der die nationalen Kassen trifft. 512 Fälle betreffen den Aufbaufonds, 5,1 Mrd. €. In zehn Jahren haben Strafgerichte rund 180 Mio. € zurückgeholt.
  • Verwaltung. 13,28 Mrd. € im Jahr 2026, 14 % mehr als 2024. Für 2028 bis 2034 will die Kommission 118 Mrd. €, bisher waren es 82 Mrd. €. Rund 60.100 Beschäftigte in den Institutionen, dazu 16.100 in 38 Agenturen. Allein Frontex ist von 134 Mio. € im Jahr 2015 auf 1,2 Mrd. € gewachsen. Die Pensionsverpflichtungen der EU für ihr Personal liegen bei 91,1 Mrd. €, und einen Pensionsfonds dahinter gibt es nicht.
  • Agrargeld. Rund 20 % der Empfänger bekommen 80 % der Direktzahlungen.
  • Bürokratie. Die Kommission selbst beziffert die laufenden Bürokratiekosten ihrer Vorschriften für Unternehmen auf 150 Mrd. € im Jahr und will davon 37,5 Mrd. € streichen. In keinem Haushalt taucht das auf, bezahlen tust du es trotzdem, über Preise und Löhne.

Was macht das pro Jahr? Fehler sind kein Diebstahl, und Zinsen sind kein Betrug. Ich zähle deshalb nur zusammen, was eindeutig nicht hätte ausgezahlt werden dürfen oder nicht hätte sein müssen: regelwidrige Zahlungen, Zollbetrug, vermeidbare Verwaltung wie den zweiten Parlamentssitz in Straßburg, unverdiente Zahlungen aus dem Aufbaufonds und die Zinsen auf die gemeinsamen Schulden.

NiedrigMittelHoch
EU-weit, pro Jahr4,0 Mrd. €14,6 Mrd. €22,7 Mrd. €
ohne die Zinsen1,8 Mrd. €6,6 Mrd. €12,8 Mrd. €
Anteil Deutschlands (rund 24 %)1,0 Mrd. €3,5 Mrd. €5,4 Mrd. €
pro deutschem Einkommensteuerzahler22 €81 €126 €

Das ist eine Schätzung mit offengelegten Annahmen, keine Zahl aus einer Prüfung. Schon der mittlere Fall ist mehr, als die EU für ihre gesamte Verwaltung ausgibt. Und Projekte, die sich an jede Regel halten und trotzdem nutzlos sind, fehlen darin noch. Als sich die Prüfer 20 EU-geförderte Flughäfen angesehen haben, hätten 9 davon das Geld überhaupt nicht gebraucht.

Schlimmer als das Geld: das Regelwerk#

Versickertes Geld ist einmal weg. Eine Vorschrift kostet jedes Jahr, in jedem Betrieb, und zwar so lange, wie sie gilt. Vor allem verhindert sie Dinge, die man nie zu sehen bekommt: die Firma, die nie gegründet wird, die Stelle, die nie entsteht, die Fabrik, die dann halt in Texas gebaut wird. Deshalb richtet das Brüsseler Regelwerk aus meiner Sicht mehr Schaden an als alles Geld, das dort verschwendet wird.

  • 150 Mrd. € im Jahr. So hoch schätzt die Kommission selbst, grob, die laufenden Bürokratiekosten ihrer Vorschriften für Unternehmen in der EU. Gemeint ist nur der Papierkram, was dadurch an Wirtschaftsleistung verloren geht, ist gar nicht drin. Trotzdem ist das schon ungefähr zehnmal so viel wie der mittlere Fall meiner Schätzung oben. Ein Viertel davon will die Kommission streichen, 37,5 Mrd. €. Bisher reklamiert sie 18 Mrd. € an Einsparungen für sich, das meiste davon in Vorschlägen, die noch gar nicht Gesetz sind.
  • 13.000 Rechtsakte in fünf Jahren. Mario Draghi hat von 2019 bis 2024 rund 13.000 EU-Rechtsakte gezählt. In den USA kamen im selben Zeitraum etwa 3.500 Bundesgesetze und 2.000 Resolutionen zusammen. Und nur 515 der 13.000 sind durch das normale Gesetzgebungsverfahren gegangen. Der Rest sind Durchführungsrechtsakte und delegierte Rechtsakte, über die kein Parlament einzeln abgestimmt hat.
  • „One in, one out“ läuft ins Leere. Was die Kommission mit dieser Regel unterm Strich selbst eingespart hat, ist von 7,3 Mrd. € im Jahr 2022 auf 0,26 Mrd. € im Jahr 2024 geschrumpft.
  • Die Firmen sagen es ja selbst. Für 55 % der kleinen und mittleren Unternehmen sind Regulierung und Verwaltungsaufwand die größte Herausforderung. Mehr als 60 % der Unternehmen sehen in der Regulierung ein Hindernis für Investitionen.
  • Pro Firma: Die DSGVO einzuhalten kostet ein kleines Unternehmen bis zu 500.000 €, ein großes bis zu 10 Mio. €. Die Nachhaltigkeitsberichterstattung schlägt mit 150.000 € bis 1 Mio. € zu Buche.
  • Deutschland legt noch eine Schicht drauf. Im Oktober hat der Nationale Normenkontrollrat gemeldet, dass der Aufwand für Vorschriften „gesamt um rund 1,3 Mrd. Euro gestiegen“ ist. Hauptkostentreiber war die „Umsetzung der CSRD“, also die Art, wie Deutschland die EU-Regeln zur Nachhaltigkeitsberichterstattung umgesetzt hat. Drei Gesetze aus dem Jahr 2025, die auf EU-Vorgaben zurückgehen, NIS-2, CSRD und KRITIS-Dachgesetz, bringen laut Normenkontrollrat „ein zusätzliches ‚In‘ von insgesamt rund 5 Mrd. Euro“, und das steckt in der Zählung noch nicht mal drin. Bei EU-Recht schaut oft gar niemand mehr auf die Kosten: „Für EU-Durchführungsrechtsakte werden in der Regel gar keine Berechnungen mehr durchgeführt.“

Der beste Beweis, dass vieles davon nie nötig war: 2026 hat die EU die Pflicht zur Nachhaltigkeitsberichterstattung für etwa 80 bis 90 % der Unternehmen gestrichen, für die sie gegolten hatte. Zwei Jahre, nachdem die Regeln in Kraft getreten waren. Am billigsten ist immer noch die Bürokratie, die gar nicht erst geschrieben wird.

Bill Gates betritt den Raum#

Jetzt zum Schlüssel selbst. Stell dir zehn Leute in einem Raum vor, jeder mit 100.000 €. Dann betritt Bill Gates den Raum. Das Durchschnittsvermögen springt auf über 10 Mrd. €. Im Schnitt ist jetzt jeder Milliardär. Reicher geworden ist keiner.

Ungefähr so misst die EU, wer zahlen kann. Das BNE pro Kopf ist ein Durchschnitt. Da stecken die Gewinne großer Konzerne drin, die Gehälter ganz oben und die Einnahmen der Staatsbetriebe. Was der Haushalt in der Mitte hat, steht da nicht.

Schau dir genau diesen Haushalt in der Mitte an, und das Bild dreht sich um:

Erst schätzen

Der deutsche Medianhaushalt (103.300 €) besitzt genau so viel wie der estnische und praktisch so viel wie der griechische. In der Slowakei, in Kroatien, Tschechien, Spanien, Italien und Belgien besitzt der Medianhaushalt mehr. Malta, Zypern, Slowenien, Tschechien, Kroatien, Portugal und Spanien bekommen alle netto Geld aus Brüssel oder liegen nahe null. Ihre typischen Haushalte sind reicher als die deutschen.

Das hat Gründe, und die gehören dazu. Deutsches Vermögen ist stark konzentriert: Die obersten 10 % halten 54 bis 59 % davon, in Malta sind es rund 35 %. 58 % der deutschen Haushalte wohnen zur Miete, und der mittlere Mieterhaushalt hat 18.400 €. Ansprüche an die staatliche Rente zählen nirgends mit. Und im Durchschnitt besitzt ein deutscher Erwachsener immer noch ungefähr doppelt so viel wie ein maltesischer. Nur ist genau das der Punkt: Der Durchschnitt, das ist Bill Gates. Die Frage ist, was der typische Bürger besitzt, der die Steuern zahlt.

Vier weitere Dinge, die der BNE-Schlüssel falsch macht:

  • Er hält Irlands Steueroasen-Buchhaltung für Reichtum. Irlands BNE liegt bei 437,7 Mrd. €. Ohne die Buchgewinne der Konzerne, die ihren Sitz nach Irland verlegt haben, kommt das irische Statistikamt selbst auf ein BNE* von 334,0 Mrd. €. Der Schlüssel überschätzt Irlands Zahlungsfähigkeit also um rund 31 %.
  • An den Rändern ist er regressiv. Die Rabattländer zahlen 0,56 bis 0,66 % ihres Einkommens, Ungarn und Litauen 0,84 %. Die Plastikabgabe kostet Ungarn 0,10 % seines Einkommens, Deutschland 0,03 %.
  • Staatsschulden sieht er nicht. Der italienische Medianhaushalt besitzt 58 % mehr als der deutsche, der italienische Staat schuldet 137 % der Wirtschaftsleistung. Belgien: Medianhaushalt 2,5-mal so reich wie der deutsche, Staatsschulden 108 %. Spanien: 1,5-mal, 101 %. Der BNE-Schlüssel behandelt reiche Bürger verschuldeter Staaten genauso wie arme Bürger solider Staaten. Und wenn die Schulden schiefgehen, trägt der Rest der Eurozone das Risiko.
  • Die Zukunft ignoriert er. 2050 kommen in Griechenland auf 100 Menschen im erwerbsfähigen Alter 68, die 65 oder älter sind, in Italien 61, in Deutschland 46, in Irland 43. Wer bald viel weniger Erwerbstätige pro Rentner hat, kann morgen weniger zahlen, als sein BNE heute vermuten lässt.

Eine Kennzahl für laufende Ströme aus den 1980ern, angewendet auf eine Union, die inzwischen Schulden, eine gemeinsame Währung und eine völlig unterschiedliche Demografie hat. „Veraltet“ ist da noch höflich formuliert.

Nicht nur Deutschland: alle 27 am Hang#

Deutschland ist der größte Fall, aber nicht der einzige. Stell mal alle 27 Mitglieder in eine Reihe, sortiert danach, was ihr typischer Haushalt besitzt, und schau, wer 2025 gezahlt und wer kassiert hat. Die Messlatte ist der typische Haushalt der EU: rund 136.800 €, der Durchschnitt der nationalen Mediane, gewichtet nach der Zahl der Haushalte. Ist ein Land reicher und zahlt, oder ist es ärmer und bekommt Geld, dann fließt das Geld bergab. So gehört sich das. Alles andere fließt bergauf.

LandMedianhaushaltNetto pro Einwohner 2025Geld fließt
Luxemburg676.000 €+807 €EU-Sitz, siehe unten
Malta376.400 €+364 €bergauf
Irland258.100 €−94 €bergab
Belgien254.200 €+52 €EU-Sitz, siehe unten
Zypern240.600 €+278 €bergauf
Dänemark229.500 € (geschätzt)−81 €bergab
Schweden214.400 € (geschätzt)−122 €bergab
Italien162.800 €−56 €bergab
Slowenien154.500 €+164 €bergauf
Spanien151.600 €−22 €bergab
Frankreich149.000 €−78 €bergab
Niederlande143.500 €−179 €bergab
Portugal143.300 €+130 €bergauf
Tschechien138.700 €+219 €bergauf
Slowakei125.400 €+247 €bergab
Österreich124.700 €−93 €bergauf
Kroatien117.000 €+281 €bergab
Estland103.300 €+418 €bergab
Deutschland103.300 €−178 €bergauf
Griechenland103.200 €+370 €bergab
Polen102.800 € (geschätzt)+183 €bergab
Finnland96.000 €−70 €bergauf
Rumänien87.100 € (geschätzt)+312 €bergab
Ungarn76.100 €+218 €bergab
Litauen72.100 €+495 €bergab
Bulgarien70.300 € (geschätzt)+212 €bergab
Lettland49.200 €+611 €bergab

Unterm Strich: 2025 haben fünf Länder, deren typischer Haushalt reicher ist als der der EU, netto 4,7 Mrd. € bekommen. Drei Länder mit ärmeren typischen Haushalten, nämlich Deutschland, Österreich und Finnland, haben netto 16,1 Mrd. € gezahlt. Ein paar Fälle stechen heraus:

  • Luxemburg und Belgien sehen aus wie die schlimmsten Fälle, sind es aber nicht. Luxemburg hat 2025 aus dem EU-Haushalt 2.854 Mio. € bekommen. 1.957 Mio. € davon entfallen auf die EU-Verwaltung mit Sitz im Land, und die lässt der Nettosaldo ohnehin weg. Von den übrigen 896 Mio. € liefen nur rund 172 Mio. € über die üblichen nationalen Kanäle: Bauern, Regionen, die Brexit-Reserve. Der Rest sind EU-Programme, deren Geld an Einrichtungen und Firmen geht, die eben zufällig in Luxemburg sitzen, von der IT hinter den Zoll- und Steuersystemen über Satellitenverbindungen bis zu EU-Agenturen. Die Statistik bucht das Geld dort, wo der Empfänger sitzt. Zählt man nur, was tatsächlich im Land selbst ankommt, zahlt Luxemburg mehr als doppelt so viel ein, wie es herausbekommt. Belgien ist dieselbe Geschichte, nur mit Brüssel. Deshalb zähle ich beide nicht zu den Bergauf-Fällen. Das macht den Rest der Tabelle belastbarer, nicht wackliger.
  • Malta und Zypern: Die Haushalte in der Mitte besitzen 376.400 € und 240.600 €, und obendrauf gibt es aus dem EU-Haushalt 364 € und 278 € pro Einwohner.
  • Finnland und Österreich stehen auf derselben Seite des Hangs wie Deutschland. Der typische finnische Haushalt besitzt 96.000 €, weniger als der griechische mit 103.200 €. Finnland hat trotzdem 70 € pro Einwohner gezahlt, Griechenland 370 € bekommen.
  • Italien und Spanien sehen hier fair aus: reiche Haushalte, Nettozahler in den regulären Haushalt. Nur sind das eben auch Staaten mit Schulden über 100 % des BIP. Rechnet man die Zuschüsse aus dem Aufbaufonds mit, waren beide 2025 Nettoempfänger, Italien mit 2,0 Mrd. €, Spanien mit 2,8 Mrd. €. Und ab 2028 fängt der Rest der EU an, genau diese Zuschüsse abzustottern.
  • Frankreich zahlt, so wie es das Vermögen seiner Haushalte nahelegt. Das Risiko liegt woanders: 116 % Staatsschulden in einer gemeinsamen Währung. Genau dafür gibt es in meinem Schlüssel den Schuldenaufschlag.
  • Irland zahlt auch, allerdings auf ein Einkommen, das die Buchgewinne multinationaler Konzerne aufblähen. Gemessen am BNE sind es 0,68 %, gemessen an dem, was die irische Wirtschaft tatsächlich verdient (BNE*), 0,89 %. Deutschland zahlt 0,63 %.
  • Polen bekommt in Euro gerechnet am meisten, 6,7 Mrd. €, kommt in der Haushaltsbefragung der EZB aber gar nicht vor. Nach meiner Schätzung liegt der typische polnische Haushalt ungefähr auf deutschem Niveau. Stimmt das, wäre Polen der nächste Bergauf-Fall. Solange es keine echten Daten gibt, lasse ich es auf der fairen Seite.
  • Wo es funktioniert: Lettland, Litauen, Bulgarien, Rumänien, Ungarn, Griechenland, Kroatien, die Slowakei und Estland. Ärmere Haushalte, Nettogeld. Genau dafür ist ein gemeinsamer Haushalt ja da, und dagegen sollte auch niemand etwas haben.

Ein fairerer Schlüssel#

Mein Vorschlag in einem Satz: Die Rechnung wird danach verteilt, was die Leute verdienen, was der typische Haushalt besitzt und wie gut die Leute tatsächlich leben, und dann für Schulden und Alterung korrigiert.

Warum jedes Teil drin ist:

  • Einkommen bleibt drin, weil die Beiträge in Euro aus dem laufenden Einkommen bezahlt werden. Aber mit 40 %, nicht mit 100 %.
  • Typisches Vermögen ist die Bill-Gates-Korrektur: der Median, nicht der Durchschnitt. Ein Haushalt mit abbezahlter Wohnung, der keine Miete zahlt, kann mehr stemmen als ein Mieter mit demselben Einkommen. Mehr als 40 % gebe ich dem trotzdem nicht. Mit einem Haus kannst du keine Rechnung bezahlen, und der Median bevorzugt Länder der Eigentümer gegenüber Ländern der Mieter.
  • Lebensstandard misst, was die Leute pro Kopf tatsächlich verbrauchen, bereinigt um die örtlichen Preise. Hier kommen Währung und Preisniveau ins Spiel: Ein Euro reicht in Sofia weiter als in Kopenhagen.
  • Der Schuldenaufschlag nimmt die EU beim Wort, genauer: bei ihrer eigenen Vertragsgrenze von 60 %. Wer darüber liegt, belastet die gemeinsame Währung und die gemeinsamen Schulden und zahlt für dieses Risiko. Italien und Belgien zahlen mehr, Deutschland ein bisschen, Estland gar nichts. Wer Schulden anhäuft, wird dafür nicht belohnt.
  • Der Alterungsrabatt ist mit Absicht klein. Alterung senkt die künftige Zahlungsfähigkeit, ist aber eben auch das Ergebnis jahrzehntelanger Politik. 25 % des vollen Gewichts finde ich angemessen. Stell deins selbst ein.

Die Inflation bekommt kein eigenes Gewicht, sie steckt ja schon in den nominalen Einkommenszahlen und in den Preisniveaus hinter dem Lebensstandard. Wettbewerbsfähigkeit, Infrastruktur und Bildung sind Bedarf, keine Zahlungsfähigkeit. Die gehören auf die Ausgabenseite, dazu gleich mehr.

Jetzt bist du dran. Mit „Nur Einkommen“ siehst du ungefähr die heutige Logik ohne Rabatte, mit „Nur typisches Vermögen“ die reine Bill-Gates-Korrektur. Oder du drehst die Gewichte selbst:

Bau dir einen faireren EU-Schlüssel: Wer zahlt dann was?

1. Nach welchem Maßstab wird die Rechnung verteilt? die drei Anteile ergeben immer 100 %

%

Nach dem, was das Land im Jahr verdient (Bruttonationaleinkommen). So läuft es heute. Irland zählt ohne die Buchgewinne der Konzerne (BNE*).

%

Nach dem, was der Haushalt in der Mitte besitzt: Wohnung, Erspartes und Anlagen minus Schulden. Die Mitte, nicht der Durchschnitt, damit ein paar Milliardäre ein Land nicht reich rechnen.

%

Nach dem, wie gut die Leute tatsächlich leben: was sie pro Kopf verbrauchen, bereinigt um das Preisniveau.

2. Korrekturen obendrauf

%

Die Vertragsgrenze liegt bei 60 % der Wirtschaftsleistung. Bei 2 % zahlt ein Land mit 100 % Schulden 8 % mehr. Wer über der Grenze borgt, belastet die gemeinsame Währung und die gemeinsamen Schulden.

%

Länder, die 2050 mehr Rentner pro Erwerbstätigen haben als der EU-Schnitt, zahlen weniger, die anderen mehr. 0 = Alterung egal, 100 = volles Gewicht.

LandÄnderung pro Einwohner und JahrZahlt heute (2025)Mit deinem SchlüsselNettosaldo: heute → dein Schlüssel
🇱🇺 Luxemburg+350 €375 Mio. €613 Mio. €+550 Mio. € → +312 Mio. €
🇲🇹 Malta+187 €169 Mio. €276 Mio. €+209 Mio. € → +102 Mio. €
🇸🇪 Schweden+88 €3,5 Mrd. €4,4 Mrd. €−1,3 Mrd. € → −2,2 Mrd. €
🇧🇪 Belgien+79 €4,6 Mrd. €5,6 Mrd. €+622 Mio. € → −315 Mio. €
🇨🇾 Zypern+65 €266 Mio. €330 Mio. €+273 Mio. € → +209 Mio. €
🇮🇹 Italien+21 €17,4 Mrd. €18,6 Mrd. €−3,3 Mrd. € → −4,5 Mrd. €
🇩🇰 Dänemark+19 €2,8 Mrd. €2,9 Mrd. €−483 Mio. € → −596 Mio. €
🇨🇿 Tschechien+17 €2,4 Mrd. €2,6 Mrd. €+2,4 Mrd. € → +2,2 Mrd. €
🇬🇷 Griechenland+11 €1,9 Mrd. €2,0 Mrd. €+3,8 Mrd. € → +3,7 Mrd. €
🇷🇴 Rumänien+9 €2,9 Mrd. €3,1 Mrd. €+5,9 Mrd. € → +5,8 Mrd. €
🇸🇮 Slowenien+7 €511 Mio. €526 Mio. €+349 Mio. € → +334 Mio. €
🇫🇷 Frankreich+5 €23,0 Mrd. €23,3 Mrd. €−5,4 Mrd. € → −5,7 Mrd. €
🇵🇹 Portugal+4 €2,4 Mrd. €2,5 Mrd. €+1,5 Mrd. € → +1,4 Mrd. €
🇳🇱 Niederlande+4 €6,7 Mrd. €6,8 Mrd. €−3,2 Mrd. € → −3,3 Mrd. €
🇧🇬 Bulgarien+4 €894 Mio. €918 Mio. €+1,4 Mrd. € → +1,3 Mrd. €
🇵🇱 Polen+2 €7,0 Mrd. €7,0 Mrd. €+6,7 Mrd. € → +6,6 Mrd. €
🇸🇰 Slowakei−1 €989 Mio. €983 Mio. €+1,3 Mrd. € → +1,3 Mrd. €
🇪🇪 Estland−3 €313 Mio. €309 Mio. €+573 Mio. € → +577 Mio. €
🇦🇹 Österreich−9 €3,1 Mrd. €3,1 Mrd. €−851 Mio. € → −772 Mio. €
🇭🇷 Kroatien−9 €757 Mio. €721 Mio. €+1,1 Mrd. € → +1,1 Mrd. €
🇪🇸 Spanien−11 €13,4 Mrd. €12,9 Mrd. €−1,1 Mrd. € → −543 Mio. €
🇭🇺 Ungarn−20 €1,8 Mrd. €1,6 Mrd. €+2,1 Mrd. € → +2,3 Mrd. €
🇩🇪 Deutschland−30 €29,0 Mrd. €26,5 Mrd. €−14,9 Mrd. € → −12,4 Mrd. €
🇱🇻 Lettland−35 €328 Mio. €262 Mio. €+1,1 Mrd. € → +1,2 Mrd. €
🇱🇹 Litauen−38 €689 Mio. €578 Mio. €+1,4 Mrd. € → +1,5 Mrd. €
🇫🇮 Finnland−91 €2,2 Mrd. €1,7 Mrd. €−394 Mio. € → +121 Mio. €
🇮🇪 Irland−111 €3,0 Mrd. €2,4 Mrd. €−512 Mio. € → +93 Mio. €

Der Topf bleibt gleich: die 132 Mrd. € an nationalen Beiträgen 2025. Zölle bleiben, wo sie sind. Nettosaldo = was zurückfließt minus was eingezahlt wird (Daten der Kommission für 2025, eigene Rechnung, ohne Verwaltung). Medianvermögen: Haushaltsumfrage der EZB 2023; Bulgarien, Dänemark, Polen, Rumänien und Schweden fehlen darin und sind geschätzt. Infrastruktur: Anteil der Firmen, für die der Verkehr ein großes Investitionshindernis ist (EIB-Umfrage 2025). „Bergauf“ markiert die Länder, mit denen dein Land in einer Nettoüberweisung von ärmer zu reicher verbunden ist, gemessen an beidem. Belgien und Luxemburg lässt der Check aus, weil dort ansässige EU-Stellen und Auftragnehmer ihre Nettozahlen aufblähen. Ein Modell, kein Gesetz.

Mit meinen Gewichten bleibt der Topf bei 132,4 Mrd. €, nur landet die Rechnung woanders. Luxemburg zahlt 350 € mehr pro Einwohner und Jahr, Malta 187 €, Schweden 88 €, Belgien 79 €, Zypern 65 €. Deutschland zahlt 26,5 Mrd. € statt 29,0 Mrd. €, also 30 € weniger pro Einwohner. Mit „Nur typisches Vermögen“ wären es für Deutschland 20,5 Mrd. €, und Malta, Luxemburg und Belgien würden zu Nettozahlern.

Auch mein Schlüssel hat Schwachstellen, die Tabelle zeigt sie dir. Finnland und Irland rutschen mit meinen Gewichten auf ungefähr null, Finnland vor allem wegen seines niedrigen Medianvermögens. Und Malta bekäme immer noch etwas mehr zurück, als es einzahlt. Der Schlüssel allein reicht also nicht. Die andere Hälfte des Haushalts ist die Frage, wofür das Geld da ist und wohin es fließt. Eine Regel aus dieser Hälfte prüft der Rechner schon mit, den Bergauf-Check. Was dahintersteckt, steht weiter unten.

Wofür das Geld da sein sollte#

Ein Haushalt ohne Ziel wächst so lange, bis ihm das Geld anderer Leute ausgeht. Deshalb erst die Ziele, dann die Regeln.

Ziel 1: wettbewerbsfähig machen, nicht künstlich beatmen. Subventionen, die nie enden, retten keine Branche, sie konservieren sie. Bestes Beispiel ist die Landwirtschaft. Direktzahlungen und Marktstützung schlucken im laufenden Finanzrahmen 284 Mrd. €, das sind 23 % von allem, und rund 20 % der Empfänger bekommen 80 % der Direktzahlungen. Mit Politik für Bauern hat das wenig zu tun. Das ist eine Grundrente für Grundbesitzer. Meine Regel: Jedes Förderprogramm bekommt ein Ablaufdatum. Übergangsgeld gibt es höchstens für eine Siebenjahresperiode, jedes Jahr ein Siebtel weniger, dann ist Schluss. Bezahlt wird damit, was einen Betrieb ohne Hilfe lebensfähig macht: Modernisierung, Produktivität, neue Märkte. Und wo eine Investition Geld verdient, verleiht die EU es oder steigt ein, statt es zu verschenken. Dann kommt es nämlich auch zurück. Wer nach sieben Jahren Hilfe nicht auf eigenen Beinen steht, tut es nach vierzehn auch nicht. Die billigste Hilfe kostet übrigens gar nichts: offene Märkte und die 37,5 Mrd. € an Bürokratiekosten, die die Kommission ja selbst streichen will.

Ziel 2: unten anheben, egal wo unten ist. Gemeint sind nicht Länder mit einem niedrigen Durchschnitt, sondern Haushalte, die wenig haben. Also der typische Haushalt, gemessen an Medianvermögen und Lebensstandard, Region für Region. Dazu gehört der Mieter in Duisburg oder Gera genauso wie der Kleinbauer in Bulgarien. Helfen sollen bessere Voraussetzungen, keine Überweisungen: Verkehr, Breitband, Schulen und mehr Wohnungen, damit die Miete nicht das ganze Einkommen auffrisst.

Ziel 3: Infrastruktur, die alle verbindet. Schienen, Stromnetze, Pipelines und Datenleitungen über Grenzen hinweg. Ohne die funktioniert kein Binnenmarkt, und allein baut sie kein Land. Die Reihenfolge bestimmt der Nutzen pro Euro, nicht der nationale Proporz.

Wer bezahlt wessen Straßen?#

Die Faustregel passt in eine Zeile: Niemand zahlt bergauf. Ein Land, dessen typischer Haushalt ärmer ist und dessen Infrastruktur schlechter, darf nie Nettozahler für ein Land sein, das in beidem besser dasteht. Und jeder nimmt erst mal sein eigenes Geld.

Für einen Vergleich der Infrastruktur in allen 27 Ländern habe ich nichts Besseres gefunden als die Unternehmensumfrage der EU-Investitionsbank. Dort steht, wie viel Prozent der Firmen die Verkehrsinfrastruktur für ein großes Investitionshindernis halten. Klar, das ist eine Umfrage über Beschwerden und kein Ingenieursgutachten. Aber die Frage ist überall dieselbe. In Deutschland sagen das 25 % der Firmen, in Tschechien 3 %, in Belgien 6 %.

Jetzt der Bergauf-Check für Deutschland, mit den Zahlen von 2025. Deutschland hat netto 14,9 Mrd. € gezahlt. Im selben Jahr ging netto Geld aus dem Haushalt an fünf Länder, deren typischer Haushalt mehr besitzt als ein deutscher und deren Firmen weniger über Straßen, Schienen und Brücken klagen:

LandMedianhaushaltVerkehr ein großes HindernisNetto aus dem EU-Haushalt 2025
Tschechien138.700 €3 %+2,4 Mrd. €
Portugal143.300 €17 %+1,5 Mrd. €
Slowakei125.400 €7 %+1,3 Mrd. €
Kroatien117.000 €11 %+1,1 Mrd. €
Slowenien154.500 €13 %+0,35 Mrd. €
Deutschland zum Vergleich103.300 €25 %−14,9 Mrd. €

Zusammen sind das 6,6 Mrd. € im Jahr. Deutschland trägt rund 22 % aller nationalen Beiträge. Heißt: Grob 1,5 Mrd. € deutsches Geld fließen Jahr für Jahr bergauf. Eigentlich gehörten Belgien und Luxemburg auch auf diese Liste. Nur blähen EU-Einrichtungen und Auftragnehmer mit Sitz im Land ihre Nettozahlen auf, deshalb lasse ich die beiden weg. Der Rechner oben macht denselben Check für jedes Land, das du auswählst.

Abstellen lässt sich das mit drei Regeln:

  1. Keine Überweisungen bergauf. Steht ein Nettozahler in beidem schlechter da als ein Nettoempfänger, schrumpft der Topf des Empfängers, bis dieser Fluss versiegt ist. Malta und Zypern fallen hier nicht durch, denn ihre Firmen klagen über den Verkehr sogar noch mehr als die deutschen. Die nächste Regel erwischt sie trotzdem.
  2. Erst das eigene Geld. Die EU zahlt höchstens den Anteil, um den der typische Haushalt eines Landes ärmer ist als der typische Haushalt der EU. Der liegt bei rund 136.800 € (Durchschnitt der nationalen Mediane, gewichtet nach der Zahl der Haushalte). Mehr als 80 % sind es nie. Den Rest bezahlt das Land selbst. Und Staatsschulden sind kein Grund, Geld zu bekommen: Wer sich schon über die 60 % hinaus verschuldet hat, muss anderswo sparen, statt die Rechnung nach Brüssel zu schicken.
LandMedianhaushaltEU zahlt höchstens
Lettland49.200 €64 %
Bulgarien70.300 € (geschätzt)49 %
Ungarn76.100 €44 %
Rumänien87.100 € (geschätzt)36 %
Griechenland103.200 €25 %
Deutschland103.300 €24 %
Kroatien117.000 €14 %
Frankreich149.000 €0 %
Italien162.800 €0 %
Malta376.400 €0 %

Frankreich, mit Staatsschulden von 116 % des BIP, bekommt für seine Straßen also nichts. Seine Bürger besitzen mehr als der typische EU-Haushalt, und was sein Staat schuldet, ist sein eigenes Problem. Deutschland dagegen könnte nach derselben Regel bis zu einem Viertel der Kosten für seine maroden Brücken bekommen. So sieht „unten anheben, egal wo unten ist“ in der Praxis aus.

  1. Ablaufdatum und Rückzahlung. Jede Förderung für eine Branche endet nach sieben Jahren und sinkt bis dahin jedes Jahr. Geld, das eine Rendite abwirft, wird verliehen, nicht verschenkt.

Dazu drei Regeln für den Haushalt selbst:

  1. Kein Geld ohne Beleg. Gezahlt wird nur gegen tatsächliche Kosten, nicht gegen Schätzungen. Liegt die Fehlerquote eines Programms über 2 %, gibt es kein Geld mehr, bis das behoben ist. Das ist die Wesentlichkeitsschwelle der Prüfer selbst.
  2. Erst die Schulden. Keine neuen EU-Schulden, bevor die 421 Mrd. € auf einem glaubwürdigen Tilgungspfad sind. Und jede neue Schuld braucht eine Abstimmung in jedem nationalen Parlament, nicht nur in Brüssel.
  3. Eine Obergrenze, die auch eine ist. 1 % des Nationaleinkommens, wie dreißig Jahre lang, Zinsen und Tilgung inklusive.

Erledigt oder gescheitert: Was dann bleibt#

Jedes dieser Ziele hat ein Ende, und genau darum geht’s. Angenommen, sie werden erreicht: Der typische Haushalt in Lettland oder Bulgarien liegt nahe an dem der EU, die Netze über die Grenzen hinweg stehen, die Branchen kommen ohne Hilfe aus. Dann haben die Transfers ihren Job gemacht. Sind sie nach zwei Haushaltsperioden, also vierzehn Jahren, nicht erreicht, sind die Programme gescheitert. So oder so wird der Haushalt danach kleiner, nicht größer. Erfolg ist kein Grund, weiterzuzahlen. Und Scheitern erst recht keiner, mehr zu zahlen.

Übrig bleibt der Kern, für den die EU gegründet wurde und den sie besser kann als ihre Mitglieder: der Binnenmarkt und seine Spielregeln, das Wettbewerbsrecht, die Handelspolitik, die Zollunion und die Außengrenze. Alles andere geht zurück an die Länder. Dort sehen die Wähler, was es kostet, und können es abwählen. Ich vermute mal, dieser Kern kostet nur einen Bruchteil des heutigen 1 % vom Nationaleinkommen und braucht nur einen Bruchteil des heutigen Regelwerks.

Das ist kein Plan für den Austritt. Es ist ein Plan, damit die EU liefert, was sie uns versprochen hat, als man sie uns verkauft hat: einen Binnenmarkt, offene Grenzen, eine stabile Währung. Keine Transferunion, die alle sieben Jahre größer wird und bei der jedes Mal ein bisschen mehr versickert.

Und was hat das mit dir zu tun?#

Wenn du in Deutschland lebst, sind die 60 Milliarden keine abstrakte Zahl. Irgendwer bezahlt die Differenz zwischen 35 Mrd. € und 60 Mrd. €, und 25 Mrd. € hat der Bundeshaushalt nicht einfach herumliegen. Das Geld kann aus drei Ecken kommen: höhere Steuern, mehr Schulden oder Kürzungen anderswo. Ich tippe auf alle drei, angefangen bei „vorübergehenden“ Zuschlägen und Abgaben, die dann nie wieder verschwinden. Der Soli lässt grüßen.

Was ich daraus mache:

  • Mit einer höheren Steuerlast planen, nicht mit einer niedrigeren. Jedes Entlastungsversprechen steht unter Finanzierungsvorbehalt.
  • Nichts vom Staat erwarten, was du selbst regeln kannst, vor allem nicht bei der Rente. Die Haushaltsplaner der EU müssen inzwischen 9,9 Mrd. € Zinsen im Jahr finanzieren. Deine Rentenkasse hat dasselbe Problem.
  • Auf mehrere Währungen und Länder setzen. Die Eurozone ist eine Haftungsgemeinschaft, ob das nun im Vertrag steht oder nicht.

Und wenn ich danebenliege?#

Vielleicht bringt der Binnenmarkt Deutschland so viel, dass 60 Mrd. € ein Schnäppchen sind. Manche FOCUS-Leser sehen das so. Nur hängt der Nutzen des Binnenmarkts nicht am Haushalt: Norwegen und die Schweiz haben Zugang, ohne ein Viertel der EU-Rechnungen zu bezahlen, und für den Binnenmarkt selbst hat die EU keine zwei Billionen Euro gebraucht. Vielleicht überleben die Rabatte ja doch, und vielleicht wird der irische Kompromiss noch weiter gekürzt. Dann zahlt Deutschland eben 50 Milliarden statt 60. Es bleibt trotzdem ein Schlüssel, der beim Mieter in Gelsenkirchen kassiert und beim Eigentümer in Valletta auszahlt.

Dieser Artikel ist Bildung, keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung. Er enthält meine Meinung, eine Schätzung mit offengelegten Annahmen und ein Modell mit offengelegter Formel.

Quellen#

Wissen, keine Beratung. Ich kenne deine Situation nicht, und vergangene Renditen versprechen gar nichts. Prüf meine Zahlen nach und entscheide dann selbst. Du bist schließlich erwachsen.